Die Kindertagesbetreuung in Deutschland befindet sich in einer angespannten Lage: steigende Anforderungen, wachsende Ungleichheiten und knappe öffentliche Mittel belasten den Alltag in Kitas erheblich. Verlässliche Betreuung, gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie inklusive Förderung sind vielerorts nicht ausreichend gewährleistet. Gleichzeitig führen sinkende Kinderzahlen teils zu Schließungen, während in anderen Bereichen weiter ausgebaut wird. Fehlende finanzielle Stabilität gefährdet zunehmend den Betrieb von Einrichtungen.
Der aktuelle Fokus des Kita-Qualitätsentwicklungsgesetztes wird diesen Herausforderungen nicht gerecht, denn pädagogische Qualität ist ohne gute Rahmenbedingungen kaum möglich.
Petra Schmidt, Leiterin der AWO-Kita Tausendfüßler und Sabine Frenkler, Geschäftsführung der AWO Kinder- und Jugendhilfe Potsdam, geben im Interview reale Einblicke in Ihre praktischen Erfahrungen und berichten, wie sich die aktuellen Entwicklungen konkret auf Ihren Alltag und die Arbeit mit den Kindern auswirken.
Was bedeutet „Qualität“ in der Kita aus Ihrer praktischen Sicht?
Schmidt / Frenkler: Für uns bedeutet es, dass Erzieher*innen in der Lage sind, auf jedes Kind individuell einzugehen, um den Bildungsprozess besser zu begleiten. Aufgrund der aktuellen Personalsituation ist dies jedoch häufig nur eingeschränkt möglich. Bildung bedeutet, ein Umfeld zu schaffen, in dem sich Kinder wohlfühlen und sicher sind. Nur dann können sie lernen, explorieren und sich weiterentwickeln. Das wiederum setzt voraus, dass die Erzieher*innen ausreichend Zeit und Ruhe haben, sich auf die Kinder einzulassen und nicht vom Arbeitsalltag oder Personalmangel überfordert werden. Kinder sollten ausreichend Lerngelegenheiten und immer aktuell fortgebildete Fachkräfte haben, die sie begleiten und Impulse setzen können, ihr Handeln reflektieren, lernen und familienergänzende Beratungen mit Eltern durchführen können.
Spiegelt der geplante Fokus des Qualitätsentwicklungsgesetzes diese Qualitätsvorstellung wider?
Schmidt / Frenkler: Bisher haben wir hauptsächlich von den Schwerpunkten Sprache und Kitasozialarbeit, also „Startchancen Kitas“ mit vielen Familien in besonderen Problemlagen, gehört. An die Feststellung des Sprachstandes müssen sich auch Maßnahmen anschließen. Die Sprachförderung muss alltagsintegriert stattfinden und nicht durch „Dressurprogramme“, die von Unkundigen empfohlen werden. Dafür brauchen die Fachkräfte Zeit für die Interaktionen mit den Kindern. Das geht nicht, wenn die Gruppen zu groß sind. Ungleiches muss auch ungleich behandelt werden, also nicht die Gießkanne über alle Einrichtungen. Der individuelle Ansatz der „Startchancen Kitas“ ist daher richtig. Ein Kind lernt nicht schneller sprechen, nur weil eine Diagnose gestellt wurde. Es braucht vielmehr Zeit, Zuwendung und unterstützende Erzieher*innen, um Sprache zu erlernen. Der Spracherwerb muss im Alltag stattfinden, und es müssen immer wieder Sprachanlässe geschaffen werden. In vielen Situationen im Erzieher*innenalltag ist dies jedoch oft schwierig. Wenn die strukturellen Voraussetzungen nicht stimmen, ist die Umsetzung der pädagogischen Prozesse nur mit großen Anstrengungen möglich, da es an der nötigen Zeit fehlt.
Wo sehen Sie die größte Lücke zwischen politischem Anspruch und Kita-Alltag?
Schmidt / Frenkler: Wir sehen das vor allem darin, dass die Personalausstattung zu gering ist. Die Finanzierung der frühkindlichen Bildung ist teilweise mit jahrelangen Verfahren in Verwaltungsgerichten mit den jeweiligen Gemeinden verbunden. Dort wird dann darüber gestritten, wie „notwendig“ oder „angemessen“ die finanziellen Mittel seien und über „sparsame Betriebsführung“ sowie „Eigenleistung des Trägers“ diskutiert.
Können gute pädagogische Prozesse überhaupt ohne ausreichende strukturelle Rahmenbedingungen gelingen?
Schmidt / Frenkler: Das gelingt nur unter größtem Engagement von Trägern und Fachkräften, die an ihre Belastungsgrenzen stoßen. Um Kinder in ihrer Entwicklung zu fördern, braucht es die Beobachtung und Analyse durch die Erzieher*innen, die genau erkennen, was jedes Kind braucht, um sich weiterzuentwickeln. Dies erfordert Zeit und kontinuierliche Zusammenarbeit im Team und mit Eltern, um gezielte Lernprozesse zu gestalten. Letztlich sind die Zeitressourcen an das Personal geknüpft. Die Verbesserung der Strukturqualität ist also Voraussetzung, um die Prozessqualität zu erhöhen. Selbst der beste Bildungsplan, der beispielsweise in Brandenburg wirklich toll ist, kann nur umgesetzt werden, wenn es dafür ausreichend Zeitressourcen gibt. Derzeit ist es aber leider so, dass immer mehr Aufgaben hinzukommen, die notwendigen Zeitressourcen aber nicht bereitgestellt werden. Erzieher*innen arbeiten am Limit, da sie einen eigenen hohen Anspruch an qualitativ guter Arbeit haben, den sie erfüllen wollen.
Welche Bedingungen brauchen Sie, damit gute pädagogische Arbeit möglich ist?
Schmidt / Frenkler: Wir brauchen den entsprechenden Personalschlüssel, um gute Qualität zu leisten und dabei nicht auszubrennen. Z.B beim Thema Kinderschutz in Kindertagesstätten: Kinderschutz bedeutet, Kinder stark zu machen – und dazu gehört, sie in Entscheidungsprozesse einzubeziehen. Das erfordert Zeit, da es wichtig ist, zu diskutieren, gemeinsam Lösungen zu finden und nicht einfach, wie früher, Anweisungen zu erteilen. Kindern vorzugeben, was sie tun sollen, engt ihr Denken ein. Sie lernen nicht, selbstständig zu handeln, sondern tun nur das, was Erwachsene ihnen vorgeben. Wenn Kinder jedoch erleben, dass ihre Meinungen anerkannt werden, stärkt das ihr Selbstvertrauen und Demokratie-Verständnis. Diese Stärke hilft ihnen, sich sicher zu fühlen und weiter zu lernen, um später aktiv die Gesellschaft mitzugestalten. Das lernen sie nicht, wenn Erwachsene nur Vorgaben und Ansagen machen, was bei Personalmangel leider der Fall sein kann.
Wie verändern zusätzliche Anforderungen, wie Dokumentationen und Tests Ihren Arbeitsalltag?
Schmidt / Frenkler: Für Tests und anschließende Maßnahmen müssen Personal- und Zeitanteile gesichert werden (mittelbare Tätigkeit). Mehr Zeitbedarf für Dokumentation reduziert die verfügbare Zeit für die Arbeit mit den Kindern. Das belastet Erzieher*innen, weil beide Tätigkeiten, pädagogische Arbeit am Kind und Dokumentation, wichtig sind. Laut Personalschlüssel Brandenburg gibt es keine festen Anteile für die Dokumentation (mittelbare Arbeitszeit), obwohl diese genauso wichtig ist wie die direkte Arbeit mit den Kindern.
Was bedeuten die aktuellen sozialpolitischen Entwicklungen für Ihr Team?
Schmidt / Frenkler: Erzieher*innen haben Zukunftsängste: Ängste, die Arbeitszeit reduzieren zu müssen und somit geringere Einkommen zu haben, oder die Arbeit aufgrund des Geburtenrückganges ganz zu verlieren. Fachkräfte sind von der Politik enttäuscht, da alle wissen, wie wichtig die ersten Jahre für die Entwicklung der Kinder sind, das aber scheinbar von der Regierung aktuell nicht gesehen wird.
Was würde Ihr Team wirklich entlasten?
Schmidt / Frenkler: Wir brauchen eine Anpassung der Personalbemessung an wissenschaftliche Empfehlungen. Die Zeit für alle mittelbaren Tätigkeiten müsste genau beziffert und eingesetzt werden können.
Welche Rolle spielen Beziehung, Vertrauen und Zeit bei der Entwicklung der Kinder?
Schmidt / Frenkler: Eine gute Bindung und ausreichend Zeit sind Grundvoraussetzung zum Lernen. Nur wenn sich Kinder sicher und geborgen fühlen können sie ihren Selbst-Bildungsprozessen nachgehen.
Was passiert mit dieser Beziehungsarbeit, wenn Zeit und Personal fehlen?
Schmidt / Frenkler: Es werden leider nicht alle Kinder gehört. Besonders ruhige Kinder gehen oft unter. Das kann sich negativ auf deren Selbstkonzept auswirken. Langfristig lernen sie so, dass sie nicht gesehen und nicht selbstwirksam sind. Solche Prägungen können eine schlechte Grundlage für die Zukunft des Kindes bilden, da frühere Erfahrungen oft nachhaltig wirken. Eine ausgewogene pädagogische Praxis, die allen Kindern Gehör schenkt, ist deshalb besonders wichtig. Das setzt Bindung voraus, die Zeit benötigt.
Was müsste ein gutes Qualitätsgesetz aus Ihrer Sicht unbedingt leisten?
Schmidt / Frenkler: Wir brauchen bundesweite einheitliche Standards für Personal sowie genau bezifferte und eingesetzte Zeitressourcen für alle mittelbaren Tätigkeiten. Außerdem muss die Finanzierung von Einrichtungen langfristig sichergestellt werden.
Wo sollte Politik aus Ihrer Sicht konkret investieren?
Schmidt / Frenkler: Wichtig wäre es eine angemessene Personalbemessung nach wissenschaftlichen Empfehlungen sicherzustellen – auch bei Arbeitszeiten, die über die achtstündige Regeldauer hinausgehen. Zusätzlich brauchen wir eine langfristige Finanzierung der Einrichtungen und Fachberatungsbedarfe (1:1.000 Plätze). Außerdem muss der Leitungsstellenumfang endlich an die gestiegenen Anforderungen angepasst werden (z.B. Sockel für alle zzgl. Leitungsanteile für die Besonderheiten der jeweiligen Einrichtung). In Ostdeutschland muss die Infrastruktur der Einrichtungen erhalten bleiben, da es in Zukunft auch wieder mehr Kinder geben wird.
Welche Rückmeldungen bekommen Sie von Eltern zur aktuellen Situation?
Schmidt / Frenkler: Eltern erleben eine Kita, in der ihre Kinder gut betreut werden und in der die Mitarbeiter*innen freundlich sind. Daher gelingt es uns nur schwer, sie für Proteste zu gewinnen. Da Erzieher*innen einen hohen Anspruch an ihre eigene pädagogische Arbeit haben und es den Kindern gut geht, merken Eltern kaum, dass Personalknappheit herrscht. Nach außen sieht man die Herausforderungen nicht direkt, da organisatorisch alles gemacht wird, um sich an die Bedingungen anzupassen und weiter gut zu arbeiten.